Forever Young: Das Peter-Pan-Syndrom – Die hippen 30- bis 50-Jährigen definieren ihren Lebensstil neu
Schon im Februar 2004 hatte der Zukunftsletter vom „Kidult“-Kult berichtet. Blickt man auf den Trend-Hotspot London, scheint es, als wären viele Londoner noch immer nicht erwachsen geworden und wollten es auch in Zukunft nicht werden.
Scannt man die Altersgruppe der 30-, 40- und sogar 50-Jährigen, fällt auf, dass sie sich in Verhalten, Kleidung und Ansichten wie 20-Jährige geben. Ironische Wortschöpfungen machen für dieses Lifestyle-Phänomen bereits die Runde: Die Rede ist von den „Grups“ (von Grown-ups) oder von den „Sceniors“ (scene und seniors).
Und so definiert der Zukunftsletter diese Zielgruppe, die es auch hierzulande gibt:
Up-to-Dad: Die neuen Londoner Dads sehen sich nur ungern als spießige Eltern
Vorausgesetzt, sie haben Kinder, wird auch von den „Dadsters“ (dad und hipsters) gesprochen. Sie wollen einfach nicht, dass das Elternsein sie als uncool stigmatisiert. Stattdessen kaufen sie meist die gleiche Musik und Kleider wie ihre Kinder und besuchen die gleichen Clubs, Bars und Restaurants, um in Sachen Jugendkultur up to date zu bleiben.
Oder mit den Worten des Chefredakteurs von Wallpaper: „Vergessen Sie alles in Bezug auf Alkoholkonsum von Minderjährigen – wir sollten uns vielmehr Sorgen um Drogenkonsum im mittleren und fortgeschrittenen Alter machen.“
Was die „Grups“ den Über-20-Jährigen voraus haben, ist ihr Einkommen
Für Geburtstagsfeiern mieten sich die „Grups“ lieber eine Villa in Ibiza, um dort mit ihren Freunden Party zu machen, als sich auf einen billigen All-inclusive-Trip einzulassen.
In Sachen Fashion blockieren die „Yummy Mummies“ die Umkleiden im Topshop in der Oxfordstreet, dem Mode-Mekka für junge, stylische Teenagerklamotten zu vernünftigen Preisen. Topshop verzeichnet Rekordgewinne und macht dabei eine Nation der Ewig-Jungen hip und glücklich.
Und so stellte denn auch Shane Watson, Journalistin beim Guardian fest: „[Wir alle befinden uns] auf der durch und durch oberflächlichen Suche danach, so lange wie möglich wie hippe Chicks auszusehen.“
Männer stehen Frauen im Wunsch nach ewiger Jugend nicht nach
An diesen neuen Schlag Männer wendet sich eine neue Sparte Literatur. Das so genannte „Fratire“ ist das Männer-Äquivalent von „Chick-lit“ und wird von den Herausgebern als das ganz große Ding für die 30- bis 40-Jährigen mit Peter-Pan-Syndrom gehandelt.
Typisches Thema ist die Zelebrierung der Männlichkeit, mit vielen Hangovern und Liebesabenteuern, die eigentlich eher mit jüngeren Lesern assoziiert werden. Typische Bücher im Fratire-Stil sind „The Alphabet of Manliness“ von dem Pseudonym „Maddox“ oder der Bestseller „The Game“ von Neil Strauss.
Als weiteres Symptom des Grup-Syndroms ist der Vormarsch von Cartoons und Kunst in die Mainstream-Kultur der Erwachsenen anzusehen.
Was passiert, wenn ein „Grup“ auf die 60 oder 70 zugeht?
Ähnlich wie der Boom, dass Reiseveranstalter Abenteuerurlaube für jene in ihren „goldenen Jahren“ anbieten, hat WA Shearings eine „Grandparenting Tour“ für Großeltern konzipiert, die ihre Enkelkinder mit in die Ferien nehmen wollen. Das ermöglicht nicht nur, dass Oma und Opa in Sachen Jugendkultur auf dem Laufenden bleiben, sondern erlaubt auch Eltern, mehr Zeit darauf zu verwenden, ihrem Twen-Lifestyle nachzugehen.
Inzwischen „haben wir erkannt, dass es nichts gibt, was wir nicht tun könnten, wenn wir denn wollten. Das Leben war nie lustbetonter und spontaner“, meinte kürzlich ein 70-Jähriger in einem Interview – als hätte ein echter Teenager gesprochen.
Zukunftsletter-Überblick: Woran Sie die neuen Grups erkennen
Die Grups sind natürlich kein auf London beschränktes Phänomen. Es gibt sie auch in Deutschland – und garantiert auch in den Märkten, in denen Sie sich bewegen. Deshalb ist es für Sie wichtig zu wissen, anhand welcher Merkmale Sie diese Zielgruppe identifizieren können. Die wichtigsten:
Späte Familiengründung: Die Menschen leben heute länger und gesünder und entscheiden sich immer später für die Übernahme von Verantwortung.
Jugend als Nonplusultra: Alles, was ihnen als Teens mangels finanzieller Mittel nicht möglich war, holen die Grups später nach: Party in der Villa in Ibiza, Kurztrip zum Feiern nach New York, teure Spielekonsolen.
Zelebrierter Lifestyle: Die Grups kleiden sich im Vintage-Look, vornehmlich Jeans und T-Shirt, surfen und skateboarden, machen Ferien auf Ibiza oder in Berlin und feiern am liebsten mit stylischen Drinks.
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